Erinnern für ein gemeinsames Europa: Eine Erasmus+-Reise nach Tschechien
Vom 15. bis zum 20.6. 2025 ist unsere Erasmus+-AG nach Tschechien gefahren, um dort mit Schülern unserer Partnerschulen aus Český Brod und Zamość darüber zu diskutieren, wie man mithilfe einer internationalen Erinnerungskultur zu einem gemeinsamen und friedlichen Europa beitragen kann. Dabei besuchten wir zahlreiche Erinnerungsorte in Tschechien. In diesem Artikel berichten wir von unseren Eindrücken und Erfahrungen von der Fahrt und was wir mitnehmen konnten.
Wie kann man mithilfe von Erinnerungskultur besser an die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs erinnern? Das haben wir uns als Erasmus+-Gruppe vom NGB gefragt. Wir stehen im engen Austausch mit vielen Partnerschulen in Europa und in unserem Projekt haben wir uns mit unseren Partnerschulen aus Tschechien und Polen zusammengesetzt, um die Erinnerungskultur und verschiedenen Perspektiven auf damalige Kriegsverbrechen in unseren Ländern besser kennenzulernen und lernen zu können, wie die betroffenen Länder heute mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umgehen. Dafür ist unsere Gruppe bestehend aus 20 Schülern aus den Jahrgangsstufen 9,10 und EF vom 15. bis zum 20. Juni dieses Jahres nach Tschechien gefahren. Dort trafen wir nicht nur auf unsere tschechischen Partnerschüler, sondern auch auf unsere Partnerschüler aus Polen, mit denen wir gemeinsam an unserem Projekt arbeiten.
Abendstimmung in Prag
Viele der polnischen und tschechischen Schüler und Schülerinnen hatten wir bereits bei unserem ersten Projekttreffen in Bochum kennengelernt, und so war die Wiedersehensfreude groß. Vor Ort erwartete uns ein spannendes und vielseitiges Programm, das unsere tschechischen Gastgeber mit viel Liebe und Energie vorbereitet hatten.
Unsere Fahrt begann am 15. Juni. Wir sind mit dem Bus von Bochum aus nach Prag, in die Hauptstadt Tschechiens, gefahren, wo sich auch unser Hotel am Rande der Altstadt sehr zentral gelegen befand. Obwohl wir nach der langen Fahrt sehr erschöpft und müde waren, konnten wir es uns nicht nehmen lassen und noch einen kurzen Spaziergang an der eindrucksvollen Moldau in der Abendsonne zu machen. Wir hatten ein sehr eng gestricktes Programm, da wir leider nur vier Tage zur Verfügung hatten, doch ergaben sich auch immer wieder Momente für Freizeitgestaltung, die wir in der wunderschönen Altstadt von Prag ausgiebig nutzten.
Doch wie sah eigentlich unser Programm aus?
Prag im Zweiten Weltkrieg
Direkt am ersten Tag haben wir eine Stadtführung von unseren tschechischen Gastgebern bekommen und sie haben uns viel über die Stadt erzählt. So erfuhren wir, dass Prag im Zweiten Weltkrieg versehentlich von alliierten Bomben getroffen wurde, die eigentlich für einen Angriff auf Dresden gedacht waren. Bei diesen Bombardierungen am 14.2. 1945 kamen mehrere Hundert Menschen ums Leben. Wer genau hinsieht, kann die Narben der Stadt, die die Bombardierungen hinterlassen haben, noch heute erkennen, zum Beispiel am tanzenden Häuser und vor allem am Platz nebendran, der im ersten Moment nicht bedeutungsvoll wirkt, uns jedoch bis heute zeigt, dass hier 1945 Bomben die Stadt getroffen haben.
Noch am gleichen Tag haben wir das interaktive Museum „Back in Time“ inmitten von Prag besucht. Dort lernten wir viel über die Geschichte Prags und über berühmte tschechische Dichter und Denker. Der Museumsrundgang wurde aber noch interessanter durch die zahlreichen interaktiven Aufgaben und Spiele, wodurch wir Gelerntes direkt anwenden und verinnerlichen konnten. An einigen Stellen der actionreichen Ausstellung verschwammen allerdings Geschichte und Unterhaltung doch ziemlich stark, etwa wenn in einer 3D-Videoanimation Prag von Drachen attackiert wurde.
Český Brod: Ländliche Kleinstadt mit viel Geschichte
Am nächsten Tag besuchten wir dann unsere Partnerschule in Český Brod . Český Brod ist eine Kleinstadt etwa 40 Minuten von Prag entfernt. An der Schule wurden wir freundlich empfangen und nahmen hier an zwei Gesprächen teil. Zunächst erzählte uns ein Experte von der Geschichte und der Bedeutung der Sudetendeuschen für das heutige Tschechien. Dabei ging er auch ausführlich auf die sudetendeutschen Traditionen und ihre Geschichte ein. Anschließend stellte Olga Noroldova die spannende und ereignisreiche Geschichte ihres Großvaters vor, der als Prager Jude ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde und das Lager überlebte. Olga erzählte auch von ihren Kindheitserinnerungen an einen Opa, der schwer traumatisiert war von Gewalterfahrungen, Hunger und Leid. Nach den Gesprächen entführte uns unsere tschechische Kontaktlehrerin, Frau Strynclova, in ein uriges heimisches Restaurant in der Altstadt von Český Brod, wo wir ein traditionelles tschechisches Mittagessen serviert bekamen. Am Nachmittag schauten wir noch in einem kleinen Kino in Český Brod den Film „One Life“, bevor es zurück nach Prag ging. Hier konnten wir wie jeden Abend noch etwas Freizeit genießen. Manche von uns trafen sich dabei auch mit den tschechischen Schülern, die uns die besonderen Ecken von Prag zeigten. So entstanden auch Freundschaften.
Kolin: Kleinod an der Elbe mit jahrhundertelanger jüdischer Tradition
Am dritten Tag ging es für uns nach Kolín. Die jahrhundertealte jüdische Geschichte dieser Kleinstadt wird besonders durch die Stolpersteine und Informationstafeln vor der ehemaligen Synagoge und dem jüdischen Friedhof sichtbar gemacht. Dort angekommen haben wir als erstes die Synagoge besichtigt. Obwohl die Synagoge seit 1953 nicht mehr als Gebetsort genutzt wird, ist sie dennoch in einem guten und gepflegten Zustand mit einem großen Angebot von Führungen. Auch wir hatten das Glück, an einer teilzunehmen und wurden somit durch die Synagoge geleitet. Im Eingangsbereich befand sich eine Informationstafel über die tschechische Geschichte. Juden und Jüdinnen standen schon früh unter dem Druck der Christen, da diese nicht wollten, dass die jüdische Gemeinschaft sich zu sehr von der christlichen unterscheidet. Diese Einwirkungen machen sich besonders in der Konstruktion der Synagoge bemerkbar, da diese von den Christen geplant worden ist. Zwei wichtige zu erkennende Merkmale sind beispielsweise der Davidstern und die die Farbe der Decke, da diese nicht den gewöhnlichen Normen und Wünschen des Judentums entsprechen. Im Anschluss gingen wir zu dem alten jüdischen Friedhof, der nur mit einer Führung zugänglich ist, als Schutzmaßnahme der jüdischen Gemeinde. Viele Grabsteine sind von Pflanzen bedeckt und es gibt keinen gepflasterten Weg, was darauf zurückzuführen ist, dass es in Kolín keine jüdischen Bewohner*innen mehr gibt, die diesen Friedhof pflegen könnten. Vor dem Holocaust gehörte die jüdische Gemeinde in Kolín eine lange Zeit zu den größten und bedeutendsten Gemeinden in der damaligen Tschechoslowakei, jedoch wurden fast alle Gemeindemitglieder mit mehreren Transporten großflächig in Vernichtungslager deportiert. Nach Kriegsende gründete sich zwar wieder eine kleine jüdische Gemeinde in Kolín, diese löste sich aber in den 1950er Jahren ganz auf. Über die vielen Geschichten der deportierten und meistens getöteten jüdischen Bewohner*innen finden sich häufig in den Straßen Stolpersteine, die an die Menschen erinnern. Die Schülerinnen und Schüler unserer Partnerschule aus Tschechien haben Kurzvorträge über die Leben von einzelnen Juden und Jüdinnen vorbereitet und uns von Stolperstein zu Stolperstein durch den Ort geführt. Abschließend ließ sich für uns festhalten: Wer heute durch die Straßen geht, erkennt – abgesehen von den Stolpersteinen und einigen Informationstafeln – kaum noch, dass hier vor nicht einmal hundert Jahren eine der größten jüdischen Gemeinden Tschechiens lebte.

Stolpersteine im Jüdischen Viertel von Kolin
Theriesienstadt: Konzentrationslager, keine „Jüdische Altersstadt“
Am vorletzten Tag hat dann das Highlight unseres Austausches stattgefunden: ein Besuch des früheren Ghettos und „Vorzeigekonzentrationslagers“ der Nazis: Theresienstadt. Der erste Teil unserer Führung beschäftigte sich mit der ehemaligen Festungsanlage der Stadt, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg als Gefängnis diente und von den Nationalsozialisten als Gefangenenlager insbesondere für die tschechoslowakische Widerstandskämpfer genutzt wurde. Als wir dort ankamen, bot sich uns ein kontrastreiches Bild. Vor dem Eingang des Lagers lagen tausende Grabsteine, die an die Opfer erinnern sollten. Die dadurch hervorgerufene bedrückende Stimmung wurde durch das sehr sonnige Wetter durchbrochen und wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemals solch unverzeihliche Straftaten an diesem so friedlichen Ort stattgefunden haben. Nachdem wir durch das Eingangstor gegangen sind und einen ersten Blick auf die Innenhöfe und Zellen werfen konnten, begann unsere Führung in Kleingruppen auf Deutsch und Englisch durch das Lager. Wir wurden als erstes durch die Räumlichkeiten der im Lager arbeitenden Aufseher geführt. In diesen Räumen befanden sich zum Teil noch Replikate der Originalmöbel, sodass die ursprüngliche Alltagssituation für uns greifbar war. Hinter dem Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" betraten wir den Bereich, der für die Inhaftierten vorgesehen war. In diesem befanden sich ebenfalls viele Räume, die allerdings sehr viel kleiner und einengender waren, als die der Aufseher. Sobald uns vor Augen geführt wurde, dass ca. 60-90 Menschen auf engstem Raum, ohne Luftzufuhr, natürlichem Licht, Nahrung und sauberem Wasser zusammen leben und schlafen mussten, ist aus der vermeintlich friedlichen Stimmung ein bedrückendes Schuldgefühl geworden. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns keine schlimmeren Lebensbedingungen vorstellen, doch diese Annahme wurde schnell widerlegt. Unsere Führung brachte uns nämlich zu den Isolationszellen und schließlich zu den Todeszellen. da wir dann weitergeführt wurden zu Zellen für härter bestrafte Insassen und schlussendlich zu der Todeszelle. Dort erwartete uns eine Zelle, ohne Fenster, einem kleinen Loch zur Verständigung und einem Eimer für Fäkalien. Diese Zelle wurde zum Entsetzen aller mit so vielen Menschen besetzt, sodass die Inhaftierten stehen mussten, damit alle überhaupt in den engen Raum reingepasst haben. Anschließend wurden uns die Waschräume für die Inhaftierten und deren Kleidung gezeigt, die sehr spärlich und karg aussahen. Um zum Ausgangspunkt der Führung zurückzukommen, sind wir über eine Brücke, durch die Leichenaufbewahrungsstätten und schlussendlich durch einen langen Tunnel gegangen. Am Ende der Führung ist uns bewusst geworden, dass es den von den deutschen Besatzern hierher gebrachten und eingesperrten Menschen unmöglich gemacht wurde zu fliehen und man kaum eine Chance auf Befreiung hatte. Wichtig zu betonen ist, dass an diesen Orten vor allem tschechische Widerstandskämpfer und Menschen, die mit den deutschen Besatzern in Konflikt gerieten, eingesperrt wurden. Die meisten Menschen aus Deutschland denken bei Theresienstadt wahrscheinlich hauptsächlich an das Ghetto und Konzentrationslager für die jüdischen Menschen. Vor Ort wurde uns deutlich, wie wichtig das NS-Gefängnis in der alten Festungsanlage Theresienstadts für die tschechische Erinnerungskultur ist. Dies liegt daran, dass sich die Erinnerungskulturen der zwei Länder stark unterscheiden, da Geschichte ganz anders aufgearbeitet wird aufgrund der verschiedenen Rollen der Länder im Holocaust. Nach einer kurzen Mittagspause haben wir uns auf den Weg ins Ghetto und Konzentrationslager gemacht – die heutige Stadt Terezin. Das Lager Es diente einerseits als Durchgangslager für Deportationen jüdischer Menschen aus der Tschechoslowakei, aber auch aus ganz Europa in Vernichtungslager im Osten, insbesondere nach Auschwitz, andererseits als Propagandalager, das gegenüber dem Ausland als angeblich „humanitäres“ jüdisches Siedlungsprojekt dargestellt wurde. Etwa 150.000 jüdische Menschen aus ganz Europa wurden hierher deportiert, nur knapp 20.000 überlebten. Dort angelangt besuchten wir das Museum, dass zum Ghetto dazugehört und eine ganz besondere Ausstellung beinhaltet. Sobald man das Museum betritt, fallen einem sofort die vielen Bilder auf, die von Kindern, die im Ghetto gelebt haben, gemalt wurden. Auf diesen Bildern sind die schlechten Lebensbedingungen abgebildet, jedoch aus Kinderaugen. Für manche Kinder war das Ghetto ihre einzige Erinnerung an ihre Kindheit, was genau auch auf den Bildern zu erkennen war. Sie malten die schlechten Lebensbedingungen, bewaffnete Wächter, den im Lager herrschenden Hunger und die ankommenden Deportationszüge. Allerdings sieht man auch auf manchen Bildern etwas Hoffnung, da dort Familienszenen, die Sonne, Blumen und Tiere zu erkennen waren. Im restlichen Museum gab es weitere sehr interessante Ausstellungsstücke, die an die jüdischen Menschen und generell auch an die Zeit im Lager und Ghetto erinnern sollten. Für uns war der Besuch von Theresienstadt auf der einen Seite sehr interessant, aber auf der anderen Seite auch ziemlich bedrückend, da wir die Lebenssituation und die Schicksale der vielen Opfer hautnah gespürt haben.

Theresienstadt: Eingang zum Festungsgelände und Gefängnis
Ein letzter gemeinsamer Abend in Prag
Nach diesem bewegenden Ausflug ging es zurück nach Prag. Am letzten Abend in Prag haben wir uns mit unseren tschechischen Austauschteilnehmenden in einem Restaurant in der Innenstadt getroffen. Zusammen haben wir uns über das erlebte Programm unterhalten und reflektiert. Nach dem Essen mussten wir uns leider schon verabschieden, jedoch freuen wir uns alle natürlich schon sehr auf das nächste Wiedersehen, allerdings in Polen. Danach durften wir uns noch für ein paar Stunden in Kleingruppen in Prag frei bewegen. Dabei konnten wir den Sonnenuntergang auf der Karlsbrücke genießen und Straßenkünstler am Ufer bewundern. Unsere tschechischen Gastgeber zeigten uns noch einige spannende und unter Touristen weniger bekannte Ecken von Prag. Am Ende waren wir alle ziemlich erschöpft, aber wussten, dass sich diese Reise völlig gelohnt hatte und wir viel spannendes erleben durften.
Fazit und Ausblick
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es wichtig ist, sich nicht nur mit der eigenen Sichtweise zu befassen, sondern sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen und man dies am besten vor Ort tun kann.
Durch die enge Zusammenarbeit mit unseren tschechischen und polnischen Austauschschülern wurde uns dies noch viel klarer. Die Tschechen haben uns mit offenem Herzen in ihrem Land und in ihrer Heimatstadt empfangen und uns viel von ihrer Kultur und ihrer Geschichte geteilt. Wir haben nicht nur viel Historisches gelernt, sondern auch über das Leben in einem fremden Land. Wir durften traditionelles Essen probieren, mit den Schülern ihre Lieblingssportarten ausprobieren und uns alleine in der Großstadt Prag ein Bild von der tschechischen Kultur machen. Unseren Lehrern war es nämlich wichtig, dass wir nicht nur viel lernen auf dieser Fahrt, sondern dass wir auch persönliche Erfahrungen und Entwicklungen mitnehmen und das können wir so alle bestätigen. Besonders gut hat uns der Ausgleich zwischen Programm und Freizeit gefallen. Wir haben den Fokus unseres Projektes nicht verloren, aber konnten auch auf eigene Faust eine neue Stadt und ein neues Land erkunden. In kleineren Gruppen, waren wir dann bespielsweise in der Altstadt Prags, oder besuchten bekannte Sehenswürdigkeiten, wie die Karlsbrücke.
Unsere ganze Projektwoche erneut auf unserem Instagram Account festgehalten. Wer Interesse hat, kann gern einmal reinschauen: https://www.instagram.com/ngberinnerungskultur/.
Dieser Artikel wurde verfasst von
Rosa Bertram
Margareta Koch
Mila Ruge
Emma Schroer
Greta Zimmermann
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